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In vielen Städten des Orients ist das Minarett das Erste, was du von weitem siehst, und das Erste, was du morgens hörst. Die Bedeutung des Turms geht über den Gebetsruf hinaus: Er markiert die Moschee im Stadtbild, dient als Landmarke und verrät durch seine Form, in welcher Region du gerade bist. Diese Erklärung für Reisende zeigt, woher das Wort kommt, welche Formen es gibt und wo du besonders schöne Beispiele findest. Alle Begriffe stehen im Orient-Glossar.
Herkunft des Wortes
Minarett kommt über das Türkische minare vom arabischen manara, Ort des Lichts oder des Feuers. Dasselbe Wort bezeichnet auch einen Leuchtturm. Im Arabischen gibt es daneben die Bezeichnung midhana, Ort des Gebetsrufs, und im Maghreb sagt man oft sawma'a. Betont wird im Deutschen die letzte Silbe: Mi-na-RETT.
Die frühesten Moscheen hatten keinen Turm, gerufen wurde vom Dach. Minarette kamen erst im Lauf der ersten Jahrhunderte des Islam auf, und manche Moscheen kommen bis heute ohne aus. Die Große Moschee von Sousse etwa hat laut tunesischer Tourismusbehörde kein Minarett. Im benachbarten Ribat diente dagegen ein Wachturm zugleich als Minarett und Signalposten.
Wozu ein Minarett dient
Vom Minarett ruft der Muezzin fünfmal am Tag zum Gebet, den Adhan. Früher stieg er dafür auf einen Balkon oder eine Galerie, heute übernehmen meist Lautsprecher. Mehr zu seiner Aufgabe steht beim Begriff Muezzin.
Daneben hat der Turm eine sichtbare Funktion. Er zeigt an, wo die Moschee steht, und prägt die Silhouette einer Stadt. Kairo trägt nach Angaben der UNESCO den Beinamen Stadt der tausend Minarette. Oft war das Minarett auch Zeichen von Macht und Frömmigkeit seines Stifters: Je höher und reicher verziert, desto deutlicher die Botschaft.
Formen nach Regionen: Beispiele
Wer die wichtigsten Turmformen kennt, erkennt die Region auf einen Blick. Die Unterschiede haben mit Bautraditionen, Material und Herrschern zu tun: Im Maghreb blieb man über Jahrhunderte beim kantigen Turm, von Kairouan bis zur Koutoubia, in Kairo wetteiferten die Mamluken mit verzierten Stockwerken, und die Osmanen setzten auf schlanke Türme, die neben großen Kuppeln besonders leicht wirken.
| Region | Form | Beispiel |
|---|---|---|
| Maghreb | quadratischer, massiver Turm | Große Moschee von Kairouan, Koutoubia in Marrakesch |
| Ägypten | mehrstöckig, achteckig und rund, mit Balkonen | Moscheen im islamischen Kairo |
| Türkei | schlank, rund, spitzes Bleistiftdach | Blaue Moschee, Süleymaniye in Istanbul |
| Golfstaaten | oft hohe Neubauten, mehrere Türme | Sultan-Qaboos-Moschee, Scheich-Zayid-Moschee |
Im Maghreb steht in Kairouan eines der ältesten erhaltenen Minarette überhaupt. Die UNESCO beschreibt es als massiven, quadratischen Turm mit drei Stockwerken am Nordende der Großen Moschee. Das Minarett der Koutoubia in Marrakesch ist laut Visit Morocco 77 Meter hoch und diente als Vorbild für den Hassan-Turm in Rabat und die Giralda in Sevilla. In Casablanca ragt das Minarett der Hassan-II.-Moschee über 200 Meter auf.
In Kairo zeigt das islamische Kairo fast alle Epochen. Die Ibn-Tulun-Moschee aus dem 9. Jahrhundert hat ein spiralförmiges Minarett mit Außentreppe. Die Minarette der Mamluken sind mehrstöckig, jede Etage mit eigenem Balkon, getragen von fein gearbeiteten Konsolen. Auf dem Stadttor Bab Zuwayla stehen zwei Minarette der benachbarten Moschee al-Muayyad.
In der Türkei sind die osmanischen Minarette schlank und rund, mit einer oder mehreren Galerien und einer bleigedeckten Spitze. Die Blaue Moschee in Istanbul hat sechs davon. In Antalya ist das gerillte Yivli Minare aus dem 13. Jahrhundert das Wahrzeichen der Altstadt.
Am Golf sind die großen Moscheen meist jung. Die Große Sultan-Qaboos-Moschee in Muscat hat fünf Minarette für die fünf Säulen des Islam, die Scheich-Zayid-Moschee in Abu Dhabi vier an den Ecken ihres Hofs.
Abgrenzung zu ähnlichen Begriffen
Ein Minarett ist kein Glockenturm, auch wenn es im Stadtbild eine ähnliche Rolle spielt. Es ist auch nicht dasselbe wie der Mihrab: Der Mihrab ist die Nische im Inneren der Moschee, die die Gebetsrichtung nach Mekka anzeigt. Und der Muezzin ist die Person, das Minarett nur der Ort, an dem er ruft oder an dem seine Lautsprecher hängen.
Was du als Reisender davon hast
Minarette helfen dir bei der Orientierung. In Marrakesch dient die Koutoubia als Landmarke, wenn du dich in der Medina verlaufen hast, in Istanbul zeigen die Türme der Moscheen auf den Hügeln, wo die Altstadt liegt. Der Gebetsruf hilft dir, den Tag zu planen: Zu den Gebetszeiten bleiben viele Moscheen für Besucher geschlossen. Wann und wie du eine Moschee am besten besuchst, steht im Ratgeber Moscheen besuchen.
Beim Fotografieren gilt: Minarette von außen sind fast überall unproblematisch. Menschen beim Gebet fotografierst du dagegen nicht, und während des Freitagsgebets hältst du Abstand vom Eingang.
Häufige Fragen
Warum haben manche Moscheen in Istanbul vier oder sechs Minarette?
Mehrere Minarette waren im Osmanischen Reich ein Zeichen für eine Stiftung des Sultans oder seiner Familie. Gewöhnliche Moscheen hatten eines. Die Süleymaniye-Moschee hat vier, die Blaue Moschee sechs, was zur Bauzeit als außergewöhnlich galt. Am Golf stehen bei großen Neubauten ebenfalls mehrere Türme, die Große Sultan-Qaboos-Moschee in Muscat hat fünf, die für die fünf Säulen des Islam stehen.
Darf man als Tourist auf ein Minarett steigen?
In den meisten Moscheen nicht. Die Treppen sind eng, oft baufällig und nicht für Besucher gedacht. Es gibt aber Ausnahmen: Im islamischen Kairo kannst du über eine Außentreppe auf das Spiralminarett der Ibn-Tulun-Moschee steigen und am Stadttor Bab Zuwayla auf die Minarette der benachbarten Moschee. Ein kleines Trinkgeld für den Wärter, der aufschließt, ist dort üblich.
Ruft der Muezzin heute noch selbst vom Minarett?
Meist ruft er nicht mehr oben vom Balkon, sondern aus einem Raum in der Moschee über ein Mikrofon, und die Lautsprecher hängen am Minarett. In einigen Ländern und Städten werden die Rufe zentral abgestimmt, damit sie zur gleichen Zeit erklingen. Für dich als Reisender ist der Gebetsruf eine gute Uhr: Er markiert die fünf Gebetszeiten, zu denen Besucher Moscheen in der Regel nicht betreten.



