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In den Schaufenstern der Medina von Fès hängen Kleider in Smaragdgrün, Bordeaux und Gold, mit Stickerei bis zum Saum und Dutzenden kleiner Knöpfe an der Brust. Ein paar Gassen weiter sitzen Männer an Nähmaschinen und flechten Borten von Hand. Das ist der Kaftan, das Festkleid Marokkos. In Istanbul liegt dasselbe Wort auf Schildern im Topkapı-Palast, nur dass dort Gewänder von Sultanen gemeint sind. Diese Erklärung für Reisende ordnet die Bedeutung, zeigt Unterschiede zu ähnlichen Gewändern und gibt Tipps für den Kauf. Weitere Begriffe stehen im Orient-Glossar.
Was das Wort bedeutet
Der Duden beschreibt den Kaftan als langes, vorn offenes Obergewand mit langen, weiten Ärmeln, oft mit einer breiten Schärpe gehalten oder über der Brust mit kleinen Knöpfen geschlossen. Das Wort kam aus dem Türkischen ins Deutsche, dahinter stehen arabische und persische Formen. Ursprünglich war es laut Duden ein militärisches Obergewand. Betont wird die erste Silbe, KAF-tan, der Plural lautet Kaftane.
Im Deutschen hat das Wort zwei weitere Bedeutungen. Es bezeichnet das lange, geknöpfte Gewand orthodoxer Juden, und umgangssprachlich jedes lange, weite Kleid, etwa den Strandkaftan aus Baumwolle.
Der Kaftan am osmanischen Hof
Im Osmanischen Reich war der Kaftan Kleidung der Macht. Sultane trugen Kaftane aus Seide, Samt und Brokat, mit großen Mustern aus Tulpen, Granatäpfeln oder Sternen. Wer dem Herrscher diente, bekam zu besonderen Anlässen einen Ehrenkaftan geschenkt, Farbe und Stoff zeigten den Rang. Einige dieser Gewänder siehst du heute im Topkapı-Palast in Istanbul, wo Kleidung der Sultane ausgestellt ist.
Der Kaftan in Marokko
In Marokko hat sich der Kaftan zum Festkleid der Frauen entwickelt. Getragen wird er zu Hochzeiten, an Feiertagen wie dem Opferfest, bei Familienfeiern und offiziellen Anlässen. Oft besteht er aus zwei Lagen und wird mit einem breiten Gürtel getragen, dann spricht man von einer Takchita. Die Bräute wechseln bei großen Hochzeiten mehrmals das Gewand, jeder Kaftan in anderer Farbe und aus einer anderen Region.
Am 10. Dezember 2025 hat die UNESCO den marokkanischen Kaftan bei ihrer Sitzung in Neu-Delhi in die Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Die marokkanische Regierung beschreibt ihn als Symbol für Identität, gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Vielfalt der Regionen. Ein guter Kaftan entsteht in vielen Händen: Stoffhändler, Schneider, Stickerinnen und die Handwerker, die Borten und Knöpfe flechten.
Wo du suchst: In Fès und Marrakesch gibt es Boutiquen und Werkstätten in der Medina, in den Souks von Marrakesch eher Ware für Touristen. In Casablanca liegen Läden für Kaftane im Habous-Viertel, ruhiger als in den großen Souks.
Kaftan am Golf und in Europa
In den Boutiquen von Dubai, Doha oder Muscat hängen lange, weite Kleider oft unter dem Namen Kaftan oder Jalabiya. Gemeint ist dort meist ein bequemes Kleid für zu Hause oder für Feiern unter Frauen, häufig mit Perlen oder Stickerei am Ausschnitt. In Europa wiederum steht das Wort seit den 1960er-Jahren für leichte, weite Kleider aus Baumwolle oder Viskose, die man am Strand oder im Sommer trägt. Mit dem bestickten Festgewand aus Fès haben sie außer dem Schnitt wenig gemeinsam.
Abgrenzung zu ähnlichen Gewändern
| Gewand | Wo | Was es unterscheidet |
|---|---|---|
| Kaftan | Marokko, früher Osmanisches Reich | Festkleid ohne Kapuze, oft bestickt, weite Ärmel |
| Dschellaba | Marokko | Alltagsgewand mit spitzer Kapuze, für Männer und Frauen |
| Abaya | Golfstaaten | weites Übergewand für Frauen, meist schwarz |
| Kandura, Thobe | Golfstaaten | langes, meist weißes Hemdgewand der Männer |
| Tunika | weltweit | kürzer, reicht meist bis zum Knie, ohne festen Schnitt |
Was du beim Kauf beachtest
Ein Kaftan von der Stange ist schnell gekauft, ein maßgeschneiderter braucht Tage bis Wochen. Plane das ein, wenn du in Fès oder Marrakesch etwas anfertigen lassen willst, und lass dir eine Anprobe geben. Bei Stoffen gilt: Was als Seide verkauft wird, ist oft Kunstfaser, das ist kein Problem, solange der Preis passt.
Typischer Fehler: Den ersten genannten Preis akzeptieren. Feilschen gehört in Marokko dazu, aber höflich. Vergleiche vorher zwei, drei Läden und entscheide erst, wenn du die Rückseite der Stickerei gesehen hast.
Was Reisende davon haben
Wer den Kaftan kennt, liest Marokko besser. Siehst du abends Frauen in schimmernden Gewändern vor einem Festsaal, ist oft eine Hochzeit im Gang. Hängen in einer Gasse besonders viele Kaftane, bist du im Viertel der Schneider, und wer dort ein paar Minuten zuschaut, sieht, wie eine Borte von Hand entsteht. Frag, bevor du die Handwerker fotografierst.
Was beim Zoll und im Koffer erlaubt ist, steht bei den Souvenirs aus dem Orient, was du sonst im Land trägst, bei Kleidung im Orient.
Häufige Fragen
Tragen Männer in Marokko auch einen Kaftan?
Heute selten. Der festliche Kaftan ist in Marokko vor allem ein Kleid für Frauen. Männer tragen zu Hochzeiten, zum Freitagsgebet und an Feiertagen eher eine helle Dschellaba mit Kapuze oder ein feines Gewand mit passender Hose, dazu gelbe Lederpantoffeln. Historisch war das anders: Am osmanischen Hof in Istanbul war der Kaftan gerade die Kleidung der Männer, vom Sultan bis zum hohen Beamten.
Darfst du als Touristin in Marokko einen Kaftan tragen?
Ja, das gilt nicht als unpassend, viele Marokkanerinnen freuen sich sogar darüber. Ein schlichter Kaftan aus Baumwolle eignet sich gut für das Riad oder den Abend im Hotel. Wirst du zu einer Hochzeit eingeladen, ist ein festlicher Kaftan eine schöne Geste, manche Läden verleihen auch welche. Komisch wirkt es nur, wenn du ihn als Kostüm für Fotos vor einer Moschee nutzt.
Woran erkennst du einen handgearbeiteten Kaftan im Souk von Fès?
Dreh den Stoff um und schau dir die Rückseite der Stickerei an: Von Hand gestickt ist sie leicht unregelmäßig, maschinell gestickt wirkt sie gleichförmig und oft mit Vlies hinterlegt. Echte Handarbeit zeigt sich auch an handgeflochtenen Borten an Kanten und Ausschnitt und an vielen kleinen Stoffknöpfen mit Schlaufen. Frag nach dem Material, und rechne mit großen Preisunterschieden zwischen Laden und Werkstatt.



